Zeitraum: 7. bis 21. August
Teamer: Sebastian Rießbeck, Antje Römhild
Obwohl dieses Jahr nur zwölf junge Leute am Sommerlager in der Lichtenburg teilnahmen, waren sechs Nationen vertreten: Russland (Tatiana Terentyeva, Rada Chugay, Marianna Evteeva, Tatiana Kuznetsova), Deutschland (Christian Ziebertz, Anna Abdulaziz), Ukraine (Maryna Przylentska), Litauen (Antanas Dzingas), Ungarn (Domonkos Tur) und Tschechien (Michaela Holkupova, Jana Petru), was sprachliche Herausforderungen bedeutete, aber auch Bereicherungen, nicht nur kulinarischer Natur, mit sich brachte. Nachdem wir glücklicherweise den VW-Bus von ASF zur Verfügung hatten, konnten wir die Teilnehmer ohne Probleme vom Bahnhof in Annaburg abholen, der ungefähr zehn Kilometer von Prettin entfernt liegt. Prettin selbst hat keinen Bahnanschluss und während der Schulferien auch nur zweimal pro Tag eine Busverbindung nach Annaburg bzw. Jessen, ist also nicht so einfach zu erreichen. Auf Grund unterschiedlichster Anfahrtswege und Ankunftszeiten kamen einige Teilnehmer schon einen Tag vorher, zwei Teilnehmer einen Tag später an. Dies war nicht nur logistisch, sondern auch für die Gruppendynamik eine Herausforderung. Mit etwas Geduld, und einigen gemeinsamen Kennenlernspielen gelang es uns jedoch, eine Gruppe zu formen, in der es zwar die ein oder anderen "Grüppchen" gab, aber keine nennenswerten Konflikt oder Außenseiter.
Untergebracht waren Teilnehmer und Teamer im Obergeschoß des Prettiner Sportlerheims, direkt am Sportplatz, auf Matratzen. Die Unterkunft war einfach, aber für die Bedürfnisse des durchschnittlichen Sommerlagerteilnehmers in jedem Fall ausreichend, auch wenn sich der Kontakt mit den das Sportlerheim sonst nutzenden Fußballern hin und wieder etwas kompliziert gestaltete. Von der Unterkunft zur Lichtenburg waren es etwa fünf Minuten zu Laufen.
Unsere gemeinsamen Mahlzeiten wurden ausschließlich, in der Lichtenburg zubereitet und gegessen, wobei der angrenzende Schlossgarten uns mit Kräutern und hin und wieder auch etwas Gemüse versorgte.
Im Verlauf des Sommerlagers wurde großen Wert darauf gelegt, dass es in nicht in erster Linie um körperliche Arbeit ging, sondern dass die Beschäftigung der Teilnehmer mit dem Nationalsozialismus und verwandten Thematiken wie Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit den Hauptzweck des Lagers bildeten. Für eine Einführung in das Thema Nationalsozialismus sorgte Pascal von miteinander e.V. am dritten Tag des Camps, während Katrin Bahr vom Arbeitskreis Schloss und Gedenkstätte Lichtenburg e.V. die Teilnehmer durch die Lichtenburg führte und einen Überblick über die Geschichte des KZs gab. Renate Gruber aus Wittenberg sprach mit uns über Olga Benario-Prestes, der wohl berühmtesten Insassin der Lichtenburg, und über ihr neues Buch “Nachtzug nach Piestany”.
Während unserer Fahrradtour nach Torgau war es den Teilnehmern möglich, im dortigen Dokumentations- und Informationszentrum etwas über Wehrmachtsjustiz und -Gefängnisse zu erfahren. Wir hatten sowohl eine deutsch, als auch englischsprachige Führung.
In der Gedenkstätte Ravensbrück gab es zunächst eine Führung, in der Grundsätzliches über das KZ erklärt wurde; danach hatten die Teilnehmer noch genügend Zeit, auf eigene Faust die Ausstellungen zu besichtigen. Sehr bewegend für die Teilnehmer war am Sonntagmorgen das Zeitzeugengespräch mit Elisabeth „Lisl“ Jäger, einer Österreicherin, die aus politischen Gründen unter anderem im KZ Ravensbrück inhaftiert war.
Um auch Bezug auf die aktuelle Bedeutung der NS-Zeit zu nehmen gab es ein Seminar mit dem Thema “Rechtsextremismus in Deutschland und Osteuropa”, das von Roman Ronneberg und zwei seiner Mitarbeiter von miteinander e.V. durchgeführt wurde. Zunächst wurde den Teilnehmern viel Wissenswertes über die rechte Szene anhand von Infos über verschiedene Symbole, rechtsradikale Musik und ähnliches vermittelt. Nach dem Mittagessen gab es zwei Übungen mit denen gezeigt wurde, wie man sich spielerisch mit dem Problem Ausgrenzung /Andersartigkeit auseinandersetzen kann. Da es am Ende des Seminars noch viele offene Fragen gab,
Neben den inhaltlichen Aktivitäten erledigte die Gruppe auch ganz handfeste Tätigkeiten. So wurde der Eingangsbereich des “Bunkers” - also des Teils der Lichtenburg in dem die Gefangenen in Einzelhaft kamen oder anderweitig bestraft wurden - mit Weißkalk getüncht, und sieht nun nicht mehr vernachlässigt aus. Die Wände und Fenster des “Bunkers” befreiten die Teilnehmer von Spinnweben und Schmutz; bei beiden Aktivitäten stellte Herr Rüping von der Caritas, der die beiden Arbeiten anleitete, weiße Ganzkörperschutzkleidung zur Verfügung.
Um die Eigenschaft der Lichtenburg als Konzentrationslager “nach außen” hervorzuheben sprühten die Teilnehmer mit selbst gefertigten Schablonen folgendes Zitat der in der Lichtenburg inhaftierten Lina Haag auf weißes Leinen: “Keine lichte Burg, sondern ein ideales KZ!”. Die Leinen würden in Fenstern des ehemaligen Lehrlingswohnheims so aufgehängt, dass sie von der Strasse aus gut zu erkennen sind, und vorbeifahrende Autofahrer oder Fahrradtouristen auf die historische Bedeutung der Lichtenburg hinweisen.
Ergänzend zu den übrigen Infotafeln erarbeitete eine kleine Gruppe eine Schautafel die die Eigenschaft der Lichtenburg als Frauenkonzentrationslager illustrieren sollte, und drei bekannte Lichtenburger Häftlingsfrauen (Olga Benario-Prestes, Lina Haag, Maria Zeh) genauer beschrieb.1 Die Tafel enthält einen kurzen Text zur Lichtenburg als Frauen KZ, die Lebensläufe der drei Frauen, den Abschiedsbrief der Olga Benario-Prestes an ihren Ehemann und ihre Tochter kurz vor ihrem Abtransport nach Bernburg, sowie eine Beschreibung der Ankunft im KZ Lichtenburg von Lina Haag.
Besondere Freude bereitete den Teilnehmern die Beschäftigung mit den Inschriften von Häftlingen im "Bunker". Diese wurden digital fotografiert, und danach mit Photoshop so bearbeitet, dass der bloße Text sichtbar wurde. Die Bilder wurden in der Weise ausgestellt, dass der Text der jeweiligen Inschrift noch einmal in normaler Schrift unten angefügt wurde (zumal einige der Inschriften in krakeliger Handschrift, oder altdeutscher Schrift verfasst sind, und damit nicht für jeden Besucher ohne weiteres zu verstehen sind). Nachdem einige Inschriften schon deutlich am verblassen sind, und teilweise auch nicht zufrieden stellend "konserviert" werden konnten, war es für die Teilnehmer sehr deutlich, wie bedeutsam ihre Arbeit und ihr Engagement für diese Stätte ist.
Um mit Nachdruck auf die Tatsache hinzuweisen, wie wichtig auch jungen Leuten es ist, dass die Lichtenburg eine Stätte des Gedenkens an die Zeit des Nationalsozialismus bleibt, und um einmal mehr die Verantwortlichen in der Politik aufzufordern, ihre Verantwortung für einen vernünftigen Umgang mit der Geschichte wahrzunehmen und die notwendigen Schritte einzuleiten, damit in der Lichtenburg die schon lange überfällige neue Gedenkstätte eröffnet werden kann, verfasste die Gruppe einen offenen Brief2 an den Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Böhmer. Der Brief wurde bei der Abschlusspräsentation verlesen, und in den darauf folgenden Tagen der Presse, über den Landtagspräsidenten den Abgeordneten aller Fraktionen, und dem Ministerpräsidenten zugesandt.
Bei der abschließenden Präsentation am Ende des Camps waren zahlreiche Vertreter von Politik und Verbänden zugegen; darunter Vertreter des IVVdN, Landtagsabgeordnete der CDU und der Linkspartei, Peter Fischer vom Zentralrat der Juden und Gisela Spieler von der Hansche Stiftung. Zunächst wurde die Arbeit der Teilnehmer in einem kurzen Rundgang präsentiert, danach gab es zahlreiche Wortmeldungen, in denen die Redner besonders betonten wie wichtig das Engagement junger Leute für die Lichtenburg ist. Anschließend gab es beim gemeinsamen Kaffeetrinken - mit selbst gebackenem Pflaumenkuchen - die Gelegenheit für unsere Gäste, die Teilnehmer kennen zu lernen und näheres über die zwei vergangenen Wochen zu erfahren.
Wir danken für die zahlreiche Unterstützung sowohl finanziell als auch ideell !!