Der Komplex Lichtenburg als KZ und SS-Standort in der NS-Zeit

1933 bis 1937

Mitglieder der SS-Wachtruppe Lichtenburg beobachten einen Festmarsch der Prettiner Bevoelkerung vor dem Haupteingang des Konzentrationslagers um 1934.

Kurz nach der Machtuebernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 waren die Gefaengnisse in Deutschland mit politischen Gegnern des NS-Regimes ueberbelegt, es wurde nach anderen Unterbringungsmoeglichkeiten gesucht. Im April 1933 liess der Torgauer Landrat auf Anfrage pruefen, wann und wie viel Gefangene im ehemaligen Zuchthaus Lichtenburg untergebracht werden koennen. Er verwies zwar auf den schlechten baulichen Zustand und fehlende sanitaere Anlagen und Heizkoerper, aber trotzdem erfolgte die Anweisung, dort ein Konzentrationslager fuer zunaechst 500, spaeter eventuell 800 maennliche Gefangene einzurichten.

Am 12. Juni wurden 50 Haeftlinge ueberfuehrt, die mit handwerklichen Taetigkeiten das zukuenftige KZ Lichtenburg bezugsfaehig machten. Am 13. Juni 1933 wurde das "Sammellager Lichtenburg" offiziell eroeffnet und war damit eines ersten staatlichen Konzentrationslager fuer Maenner Deutschlands. Die ersten Inhaftierten waren ueberwiegend KPD-Angehoerige und Sympathisanten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Intellektuelle unterschiedlicher Berufe und politischer Auffassungen. Ausserdem wurden "Ernste Bibelforscher" (Zeugen Jehovas), Homosexuelle, vermeintliche Rasseschaender (Menschen juedischer Abstammung), "Berufsverbrecher" bzw. sogenannte Vorbeugehaeftlinge dort gefangengehalten.

Am 20. Juni 1933 wurden 450 sogenannte Schutzhaeftlinge aus anderen Gefaengnissen in die Lichtenburg ueberfuehrt, Ende September 1933 waren bereits 1675 Maenner in der Lichtenburg inhaftiert und die Planzahlen damit weit ueberschritten. Die Aufsicht ueber das KZ Lichtenburg uebernahmen mit der Lageroeffnung SS-Maenner der 26. SS-Standarte "Paul Berck" (mit Sitz in Halle/Saale) im Regierungsbezirk Merseburg. Allerdings oblag die Fuehrung und Schulung der SS-Hilfspolizisten anfangs noch der Polizei. Ab August 1933 zog sich die Schutzpolizei aus der Bewachung des "Sammellagers" Lichtenburg zurueck und uebergab diese vollstaendig an den "SS-Sondersturm Lichtenburg" unter Befehl von SS-Truppfuehrer Edgar Entsberger.

Im Mai 1934 beauftragte Heinrich Himmler den damaligen Dachauer Lagerkommandanten Theodor Eicke, das zeitweise zentrale und groesste preussische Konzentrationslager Lichtenburg in eine neu zu errichtende und zentral gefuehrte SS-Verwaltung fuer alle deutschen Konzentrationslager die spaetere "Inspektion der Konzentrationslager" zu ueberfuehren. Unter den Gefangenen des Maennerlagers fanden sich zahlreiche prominente Vertreter aus Politik und Gesellschaft wie Ernst Reuter (Buergermeister Magdeburgs), Friedrich Ebert (Sohn des ersten Reichspraesidenten), Wolfgang Langhoff (Schauspieler), Theodor Neubauer (KPD-Reichstagsabgeordneter) und viele andere bekannte Persoenlichkeiten.

1936 waren die Kapazitaeten des bestehenden Maennerlagers nicht mehr ausreichend, im Oktober desselben Jahres wurde ein Grossteil der Lichtenburger Haeftlinge in das KZ Sachsenhausen und 1937 wurden alle juedischen Haeftlinge nach Dachau transportiert. Mitte August 1937 wurde das Maennerlager Lichtenburg aufgeloest und die restlichen ca. 1330 Gefangenen aus der Lichtenburg in das neu errichtete KZ Buchenwald ueberfuehrt.

Damit war die Nutzung der Lichtenburg als Konzentrationslager aber nicht beendet.

 

1937 bis 1939

Briefkopf der politischen Gefangenen Frieda Kannler aus dem Frauen-KZ Lichtenburg vom 2. Mai 1939. Kannler wurde am 21. April 1939 in Lichtenburg eingeliefert. Der Briefkopf enthaelt zudem einen Auszug aus der aktuellen Lagerordnung des Frauenlagers.

Von 1937 bis 1939 befand sich in der Lichtenburg ein Frauen-Konzentrationslager. Im Herbst 1937 wurde beschlossen, die Lichtenburg als zentrales Frauen-KZ fuer das gesamte Deutsche Reich einzurichten. Es sollte ca. 500-600 Frauen aufnehmen und die Gefangenen sollten ausschliesslich durch weibliches Aufsichtspersonal bewacht werden.

Am 15. Dezember 1937 wurde mit einem Transport von 200 weiblichen Haeftlingen aus Moringen in die Lichtenburg das fruehere Sammellager wieder in Betrieb genommen. Mitte April 1938 waren dort ca. 1064 Frauen inhaftiert und das Frauen-KZ, entgegen den urspruenglichen Planungen, zahlenmaessig ueberbelegt. Die gefangenen Frauen setzten sich aus Politischen, "Rasseschaenderinnen" (Juedinnen), sogenannten Kriminellen, "Asozialen" und "Ernsten Bibelforscherinnen" (Zeuginnen Jehovas) zusammen. Namhafte weibliche Inhaftierte waren Lotti Huber (Schauspielerin), die Juedin Olga Benario-Prestes und Paula Billstein (Bibelforscherin).

Ab dem 15. Mai 1939 wurden alle weiblichen Haeftlinge aus Lichtenburg nach Ravensbrueck ueberfuehrt, am 21. Mai waren im KZ Ravensbrueck 974 Frauen registriert. Die Kommandanturangestellten und eine grosse Zahl der Aufseherinnen wurden vom KZ Ravensbrueck uebernommen. Das Frauen-KZ Lichtenburg war somit der direkte Vorlaeufer fuer das Frauen-KZ Ravensbrueck.

 

1939 bis 1940

Kaserne Lichtenburg 1940: "Das Fuehrerkorps II/SS T[otenkopf] Inf[anterie] E[rsatz] B[a]t[ai]l[lon] Prettin" im Fruehling 1940. Im Zentrum steht der Kommandeur SS-Obersturmbannfuehrer Carl Sattler, daneben (mit Brille) der Fuehrer der 4. MG-Hundertschaft SS-Hauptsturmfuehrer Herbert Rautenberg. Im Sommer 1943 kehrte Rautenberg als Schutzhaftlagerfuehrer des KZ Lublin-Majdanek in den Lagerdienst zurueck. 1943/1944 leitete er das Aussenlager Salzgitter-Druette des KZ Neuengamme, 1945 das Aussenkommando Bad Godesberg des KZ Buchenwald.

Nach Aufloesung des Frauenlagers im Mai 1939 erfuhr Lichtenburg eine sofortige Umnutzung als Stuetzpunkt der kasernierten SS-Totenkopfverbaende. Ab Juni befand sich ein Panzerabwehr-Lehrgang in Kompaniestaerke vor Ort, der formal zur 2. SS-Totenkopfstandarte "Brandenburg" gehoerte und mit Wirkung vom 1. Februar 1939 in Berlin-Adlershof gebildet worden war.

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges setzte eine naechste Zaesur. Mit dem Aufbau der Waffen-SS als zweitem Militaerverband neben der Wehrmacht erfolgte auch eine Umstrukturierung der Ersatzeinheiten der SS-Totenkopfverbaende. Von November 1939 bis Juni 1940 fungierte die Schlossanlage als Ausbildungslager fuer das II. SS-Totenkopf-Infanterie-Ersatzbataillon sowie temporaer fuer die SS-Totenkopf-Infanterie-Panzerabwehr-Ersatzkompanie.

 

 

 

 

 

1940 bis 1945

SS-Maenner des SS-Hauptzeugamtes Prettin setzen 1941/42 ueber die nahe Elbe ueber.

Noch 1940 wurde das Schloss Lichtenburg durch die Waffen-SS neu belegt. Zum einen erhielt Prettin spaetestens im Dezember ein SS-Hauptzeugamt, zum anderen ein SS-Bekleidungslager. Dessen zunaechst zehnkoepfiges Kommando rekrutierte sich aus dem Personal des versetzten SS-Ersatzbataillons, der Fuehrer des SS-Versorgungslagers Norbert Both versah zuvor ebenfalls seinen Dienst in Prettin. Dem SS-Hauptzeugamt unterstanden rund 40 SS-Maenner. Beide SS-Dienststellen waren organisatorisch voneinander getrennt.

 

 

 

 

1941 bis 1945

Im Oktober 1941 ueberstellte das KZ Sachsenhausen die ersten Haeftlinge in das Aussenlager Prettin. Die Gefangenen verrichteten sowohl im Versorgungslager (circa 15 Haeftlinge) als auch im Hauptzeugamt (circa 50 Haeftlinge) Zwangsarbeit. Verantwortlich fuer die Bewachung der Gefangenen zeigte sich bis zur Raeumung des Komplexes SS-Unterfuehrer Kaspar Wallner, der bis September 1941 als Leiter des SS-Ausruestungs- und KZ-Aussenlagers Brandenburg fungiert hatte und anschliessend mit den ersten Gefangenen nach Prettin kam. Unter seinem Kommando sind keine Misshandlungen oder Toetungen von Haeftlingen ueberliefert. Am 23. April 1945 wurden beide SS-Dienststellen und das KZ-Aussenlager aufgeloest.

 

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